Memories
Wann habt ihr das letzte mal ein Fotoalbum aufgeschlagen? Kein digitales, sondern ein so ein richtig Echtes zum anfassen? Ich hatte heute dieses besondere Erlebnis. Auf der Suche nach alten Hochzeitsfotos meiner Eltern fiel mir eines in die Hände, welches zwar nicht die gesuchten Fotos enthielt, dafür aber Fotos von mir.
Und kaum hielt ich diese in meinen Händen, riefen sie Erinnerungen in mir wach. Erinnerungen an unser Kaninchen Max, an die Zeit als wir noch einen stattlichen Apfelbaum in unserem Garten stehen hatten, nebst Baumhaus zum herumtollen und an einen Urlaub am großen Meer, als ich gemütlich mit eine Boot über die Kanäle gepaddelt bin, welcher bestimmt schon mehr als 10 Jahre zurückliegen muss. Erinnerungen die ich verdrängt oder einfach nur vergessen hatte und trotzdem kamen mir die Bilder so lebendig vor als wäre es gerade erst gestern gewesen und läge noch nicht eine solch große Zeitspanne zurück.
Wenn ich mir aktuelle (digitale) Bilder von uns ansehe, dann kommen mir die Erinnerungen weitaus weniger lebendig vor. Woran mag das liegen? Einfach nur daran, weil es gerade nicht so lange zurückliegt? Oder liegt es am Medium selbst? In der heutigen Zeit kann man problemlos Hunderte, wenn nicht Tausende Bilder auf einer winzigen Karte speichern und wenn ein Bild nichts geworden ist wird es einfach gelöscht. Ein solches Bild hat einfach nicht mehr den Wert den es Früher hatte, als man mit 36 oder noch weniger Aufnahmen auskommen musste. Das Motiv für so eine Aufnahme wurde sorgfältig ausgewählt. Wenn ich mir überlege bei wie vielen digitalen Fotos, die ich in letzter Zeit gemacht habe, sorgfältig überlegt habe was ich fotografiert habe und bei welchen ich “einfach nur so” abgedrückt habe, wird mir bewusst wie viel enger das Band zwischen dem Akt des Fotografieren und der Erinnerung selbst gegenüber der heutigen Zeit gewesen ist.
Dies ist ein Gedanke den ich mir das nächste Mal, wenn ich wieder eine Kamera in den Händen halte, erneut ins Gedächtnis rufen werde, damit ich nicht einen Haufen bunter Impressionen, sondern bleibende Erinnerungen davon tragen werde.
Tags: Erinnerungen, Memories

Am 9. März 2008 um 20:20 Uhr
Bleibende Erinnerungen sind oft nur eine Collage von bunten Impressionen. Das ist ja kein Film, den du mal eben abspulen kannst und der chronologisch abläuft. Man hat das Gefühl alles auf einmal gleiczeitig zu erinnern. Impressionen sind wichtig und nicht als geringschätzig abwertbar. Das ist es, was uns die digitale Technik bringt – unseren Erinnerungen ein Stück gerechter zu werden. Unser Leben läuft nicht in gut ausgewählten, meist gestellten Bildern ab.
Am 10. März 2008 um 10:51 Uhr
Ja auf seine Weise trifft das schon zu, die Bilder müssen auch nicht mal gestellt sein. Aber bei wie vielen deiner Bilder hast du dir wirklich den Moment bewusst gemacht, jedes einzelne Detail in deinen Gedanken festgehalten und nicht einfach nur “Klick” gemacht? Die Bilder die auf letztere Weise entstanden sind wirken weitaus weniger lebendig auf mich, da sie nur alle zusammen in ihrer Quantität den Haufen aus Impressionen ausmachen, wohingegen ein einziges wirklich bewusst fotografiertes Bild den selben Effekt erzielt. Die Dichte an Bilder und Emotionen ist einfach viel höher…
Am 10. März 2008 um 18:56 Uhr
Ich hab diesen Effekt auch schon beobachtet.
Ich mag “richtige” Fotos ein Stück lieber.
Sobald man ein Fotoalbum in Händen hält, weiß man, dass man ein Stück Erinnerung festhält. Meine Computerkiste? Die hat keine so eindeutige Assoziation.
Dennoch ist mir der Effekt bei weitem nicht so stark aufgefallen, wie dir, Nico.
Das erkläre ich mir damit, dass ich, wenn ich mit der Digitalkamera Fotos schieße, nicht andauernd rumknipse.
Beispiele?
Ohne was zu löschen hab ich im Urlaub 2006 (6 Tage Ostsee) 45 Fotos gemacht. Anfang 2007 waren es bei 7 Tagen London doch stolzeste 178 Fotos und Mitte 2007 in Italien 28 Fotos auf 6 Tage.
Interessanterweise weist die erinnerte Freude im Urlaub (sowohl vom Gedächtnis als auch von Fotos hervorgerufenen Assoziationen her) ein antiproportionales Verhältnis zu der Anzahl der Fotos auf.
Trotzdem schau ich mir alle Fotos gerne an und schwelge in Erinnerungen.
Kommen wir zu Fotos, die ich nicht geschossen habe.
Da hätten wir 197 Fotos von Andreas während 3 Tagen Nürnberg,
75 Fotos von Nico über einen Abend Kneipenrallye ’07 und 51 Fotos von Nico (?) über die Weihnachtsfeier ’06.
Digitalfotographie sollte nicht zum Dauerknipsen einladen!
Nur weil man immer dickere Speicherkarten vollzimmern _kann_ und sich nicht länger vor der Reise fragen muss, ob man gewagterweise gleich zwei 36er Filme einpacken sollte..?
Ich war letzten Samstag noch bei ner Plauderrunde mit meinen Schulfreunden. Einer war ständig gelangweilt und hat andauernd Fotos geschossen… weil ers kann. Sowas find ich nervig.
Die Häufchenbildung von Bildern ist bestimmt praktisch, wenn man wie auf der Kneipenrallye alle neuen Erstsemester ablichten möchte, aber büßt eine Menge an Bedeutungsschwangerschaft in Realtion zu einem sparsamen Fotographiestil ein.
Am 11. März 2008 um 21:45 Uhr
In der Tat, Nico, ich stimme dir zu: die Erinnerung ist eine andere. Ich selbst schwelge gern in den alten Fotoalben herum, die meine Mutter in Nachmittage füllender Bastelarbeit zusammengestellt hat.
Aber auch aus digitalen Bildern – wenngleich diese eher „achtlos“ wie du sagst gemacht wurden – können solche Alben entstehen. Ich habe von einem Wochenende im Sommer über 1000 Fotos – alle digital. Davon sind einige mit großer Mühe entstanden, andere waren reine Zufallstreffer.
Trotzdem: Selbst die Auswahl der „guten“ Bilder umfasst noch einige Hunderte, aus denen ich ein Album zusammengestellt habe; und dieses ruft in mir die gleichen lebendigen Erinnerungen hervor, wie die alten Alben aus dem Küchenschrank.
Das mag daran liegen, dass in den Alben nicht bloß die Bilder selbst zu finden sind, sondern oft noch alte Tickets, Postkarten, Wegskizzen, ausländischer Geldstücke, Zeitungsartikel oder Geburtstagskarten.
Vor einigen Jahren durften meine Schwester und ich nach dem Ausflug oder Urlaub immer die restlichen Bilder „verschießen“, damit der Film voll war und zur Entwicklung konnte. Es ist erstaunlich, wie zahlreich dann selbst diese „einfach nur so“ gemachten Bilder in den Alben erscheinen.
Um eine lebhafte Erinnerung hervorzurufen, braucht es nicht unbedingt einen Profi-Fotografen und es bleibt dem Erinnernden überlassen, ob er sich die ganzen Haufen digitaler Fotos am Bildschirm anschaut oder bloß eine sorgfältige Auswahl davon.
Ich persönlich finde nicht, im Gegensatz zu Cori, dass ein Wirrwarr an Impressionen unseren tatsächlichen Erinnerungen näher kommt. Es ist gerade die Kunst des Gedächtnisses Informationen auf das Wesentliche zu komprimieren (und selbstverständlich auch zu idealisieren). Unser bewusstes Erleben dieser Erinnerungen darf dann wieder bunte Impression sein.
Vermutlich ist es genau das, was das Erinnern an sich so einzigartig macht und in uns die beschriebenen Gefühle aufsteigen lässt: Die Tatsache, dass wir, ausgehend von einem „idealen“ (oder zumindest sorgsam gewählten) Punkt auf das zurückschauen, was passiert ist und die Sachen noch einmal in unserem Kopf ihren Lauf nehmen lassen…
Am 13. März 2008 um 17:26 Uhr
Ich würde Tobys Aussage gerne unterschreiben. Ich denke wirklich, dass Nico diesen Eindruck oder Effekt, wie ihr ihn nennt, nur hat, wenn er 100 Fotos für 3 Personen an einem Abend verbraucht. Und der restliche Effekt erklärt sich mit dem Zustand des “Blätterns”. Druck die digitalen Fotos aus, steck sie in ein Album und schau sie dir nicht morgen, sondern 3 Jahre oder später an und du wirst genau den gleichen Effekt haben. Alles, was dich jetzt so mit den Alben verbindet, ist die pure Vergangenheit, die eben auch dadurch verstärkt wird, dass es damals noch 36iger Filme gab und Erinnerungen hinzukommen wie: Mist! Ich hab aus versehen 2 Fotos gemacht. Etc. Wenn ich mir Fotos im Album anschau, dann empfinde ich keinen Unterschied. Das einzige, worin ich mehr schwelge, ist dass alles noch viel weiter zurück liegt als die Fotos auf meinem Lappi.